Konf. Univ. Dr. Florentina Nițu, der Dekan der Fakultät für Geschichte bei der Bukarester Universität, kämpft für mehr Involvierung in der Förderung von Bukarest, worüber sie sagt, dass es eine Stadt ist, die viele Geschichten zu erzählen hat
Welche ist die Rolle der Welterbe und der kulturellen Ressourcen, wenn man über die Identität eines Volks spricht?
Heute ist es im allgemeinen bekannt, dass die Welterbe und die kulturellen Ressourcen die Identität einer Gemeinschaft darstellen, egal ob man über eine grössere oder kleinere Gemeinschaft, über ein Volk oder ein Dorf spricht. Die Welterbe, also die von den Vorfahren übernommenen Werte, bestätigen und individualisieren eine Gemeinschaft, sie sind eine Identitätssprache.

Welche sind die Hauptrichtungen, die man berücksichtigen soll, wenn es um die Welterbe von Bukarest, um ihre Bewahrung geht?
Leider haben alle Grossstädte Schwierigkeiten betreffend die Bewahrung der Welterbe, vielleicht weil man über eine sehr grosse Gemeinschaft spricht, die als Herkunft vielfältig ist und wofür die Identität, die von der Welterbe geprägt wird, ziemlich unklar und vielleicht deswegen vernachlässigt ist. In Bukarest ist die Bevölkerung vielfältig, die Leute waren schon im Mittelalter von den Vorteilen des Handels mit den Politikern, die hier wohnten oder von den politischen oder wirtschaftlichen Vorteilen, in der Nähe eines Entscheidungsortes zu sein, angezogen. Diese Personen, die von der Hauptstadt angezogen waren, behielten oft die Identitätswerte ihrer ursprünglichen Gemeinschaft und deswegen wurden sie nur teilweise in die Werte von Bukarest integriert und die Verantwortung hinsichtlich der Welterbe war geringer.
Ich glaube, dass die aktuelle Gemeinschaft von Bukarest in ihrer DNA sehr unterschiedliche Identitätswerte hat (die Unterschiede werden von der gezwungenen kommunistischen Urbanisierung betont) und infolgedessen gibt es keine vollkommene Überschneidung und Verantwortung betreffend diese Welterbe der Statd, die von den Vorfahren übernommen wurde, die man nicht sehr gut kennt.
So kommt man zu einem heiklen Bereich der Ausbildung. Um die Bewahrung und den Schutz der Welterbe von Bukarest zu sichern, egal ob man über die Bauten spricht (die den kommunistischen Raupen überlebten) oder um die imateriellen Werte (die Traditionen der Zwischenkriegszeit, zum Beispiel) ist eine zusammenhängende Politik im Ausbildungsbereich notwendig. Meiner Meinung nach, am Anfang sollte man in der Schule die Lektionen zum Thema „Kenne deine Strasse / dein Wohnviertel / deine Stadt” halten. Man soll aber die Verantwortung übernehmen, dass die Identität nicht von heute auf morgen aufgebaut wird und ein paar Kurse oder die Anzeigen aus der Stadt die Verantwortung hinsichtlich der Welterbe nicht sichern werden.
Gelang Bukarest, die besessene Welterbe auf eine wertvolle wirtschaftliche Ressource zu verwandeln?
Um aufrichtig zu sein, glaube ich nicht, dass es ausreichend ist. Es gibt sehr gute individuelle Initiativen, es gibt Vereine, welche die Bukarester Welterbe fördern, aber für eine wirklich gewinnbringende Förderung braucht man Investitionen, welche nur die Lokalverwaltung machen kann.
Bukarest ist eine Stadt, wo die Geschichte sich mit der Modernität verbindet. Wie könnte man die Welterbe hervorheben, so dass es am besten verwertet werden kann?
Ich gestehe, ich sehe mich nur selten um, wenn ich in Bukarest spazierengehe. Aber die Touristen sind sehr aufmerksam auf die Einzelheiten. Leider sind die Mauern vieler Gebäude schwarz oder schmutzig, was die Interessenlosigkeit zeigt, welche der Betrachter auch sieht.
Wenn man über die Modernität spricht, gibt es ziemlich viele moderne Optionen zur Verwertung der Welterbe: die Anwendung auf dem Handy, welche die interessanten Gebäude oder Plätze zeigt, die Tafeln für die Denkmäler, die Stadtreisen mit dem qr Code (wie in Iași, zum Beispiel).
Ich glaube, dass man von der Involvierung der kleinen Gemeinschaften bis zu einer breiteren Gemeinschaft gehen kann.
Ich arbeitete schon lange her an zwei Projekten: das Simu Projekt, mit ein paar Tafeln mit dem Text und dem Bild über das Simu Museum, das von den Kommunisten abgerissen wurde und hinter dem ehemaligen Eva Laden, auf Magheru Boulevard war.
Immer wenn ich in dieser Gegend bin, stelle ich traurig fest, dass die Tafeln, die den Einwohnern erzählen, dass hier ein Platz war, der von den kommunistischen Raupen zerstört wurde, ein Gebäude, wo Anastase Simu Kunstwerke sammelte, die er auch den anderen zeigen wollte, allmählich verschwinden.
Ein anderer Platz, den man anzuzeichnen versuchte, war der Park der Königin Maria: dort wurden Tafeln mit den Bildern der Königin und mit kurzen Informationen oder bedeutenden Zitaten eingebaut.
Es gibt ein ausserordentliches Projekt, die Leute auf das Uranus Wohnviertel aufmerksam zu machen, das wegen der Errichtung des Parlamentspalastes zerstört wurde.
Man sollte auch auf das ehemalige jüdische Wohnviertel, wo es noch Spuren vom alten Bukarest gibt, Aufmerksamkeit schenken. Man könnte die Tafeln mit kurzen Informationen beim U-Bahnausgang darlegen oder eine Telefonanwendung entwerfen, welche mitteilen soll, dass es in der Nähe interessante Gebäude gibt, die scheinbar aus einer anderen Welt, aus einem anderen Bukarest kommen.
Es gibt Themen, welche die Gemeinschaft dazu bringen könnten, ihre Wurzeln zu verwerten, zur Welterbe, die bewahrt wurde, zurückzukommen und an die Projekte zur Verwertung der Welterbe zu denken. Ich glaube, dass die Jugendlichen auf diese Formen der Informationsübertragung empfindlich sind. Wenn aber die Liebe zur Bukarester Welterbe fehlt, werden alle Lösungen scheitern.

Welche sind, Ihrer Meinung nach, drei Orte, die man nicht übersehen soll, wenn man die Geschichte liebt und in Bukarest ankommt? Warum?
Ich glaube, dass ein Tourist, der die Geschichte liebt, unbedingt auf der Siegesstrasse spazierengehen soll. Hier wird er viele Geschichten finden, die von den Gebäuden erzählt werden, welche die Spuren der Schönheit aus der Zwischenkriegszeit würdig behalten.
Und er sollte auch die Bukarester Universität besuchen, denn mit diesem Ort sind die Hoffnungen vieler Vorfahren (ab 1848), die den rumänischen Staat aufbauten, verbunden. Und weil hier die rumänische Elite lernte.
Ich würde sagen, sie sollten auch das Parlametspalast besuchen, mit der Hoffnung, dass sie nicht nur von der Grossartigkeit des Gebäudes beeindruckt sein werden, sondern sie werden auch an die Auswirkungen des Totalitarismus auf das Leben der Menschen denken.
Wenn Sie drei Museen von Bukarest zu besuchen wählen sollten, was würden Sie wählen?
Um aufrichtig zu sein, empfehle ich allen die Museen vom Netz der Museen von Bukarest; die Museen sind modern, sie befinden sich in schönen Gebäuden, haben das Parfüm der Stadt der Zwischenkriegszeit und die Menschen sind sehr nett und freundlich. Das Museum der letzten Kunst, bzw. das Nationalmuseum der Landkarten und der Alten Bücher haben mir auch sehr gefallen.
Bukarest hat ziemlich viele Museen. Wie könnte man diese Museen in den Vordergrund bringen, so dass die Touristen sie entdecken können?
Ich glaube, dass die lebendigen Museen eine gute Werbung durch die eigene Webseite und durch verschiedene Medien ausnutzen. Betreffend die Förderung sollte man mit den Tourismusagenturen zusammenarbeiten, so dass sie zu ihrem Portfolio die Empfehlungen einschliessen, dass die Museen besucht werden. Eine andere Förderungsform ist die virtuelle Vorstellung. Nicht zuletzt sollten die Andenkensgeschäfte ein anziehendes Angebot haben, nicht nur mit Büchern und Ansichtskarten.
Wenn man in die Altstadt geht, sieht man ziemlich viele organisierte Gruppen von ausländischen Touristen, die wählen, Bukarest zu besuchen. Kann man sagen, dass es Bukarest in den letzten Jahren gelang, ein Teil der Welttourismuslandkarte zu sein?
Ich weiss nicht, ob Bukarest zu einer solchen Landkarte gehört, aber man beobachtet das steigende Interesse der Touristen, mindestens in der Gegend der Altstadt oder der Universität. Das Interesse der Touristen ist aber nicht ausreichend, man soll dieses Interesse behalten und entwickeln.
Ist der historische Tourismus eine Alternative für Bukarest?
Ich glaube, dass der historische Tourismus eine Alternative ist. Bukarest hat viele Geschichten zu sagen und die Menschen lieben die Geschichten, ungeachtet ihres Alters und Geschlechts.

Die Fakultät, die Sie leiten, bildet die künftigen Generationen der Fachleute im Bereich der Geschichte aus. Warum sollten die Jugendlichen diese Unterrichtsinstitution auswählen?
Die Geschichte ist ein Fach, die nicht aus der Mode kommt, würde ich sagen. Warum die Geschichte in Bukarest? Weil man ein Teil der Universität mit internationaler Anerkennung ist. Aber vor allem weil unsere Studenten lernen, mehr als den schriftlichen Text zu „lesen”, eine kritische Denkweise zu haben, die ihnen ermöglicht, frei zu sein. Und nicht zufällig ist neben uns der Universitätsbalkon und der Universitätsplatz, welche die Anhaltspunkte unserer Demokratie sind.
Sind die jungen Generationen für die Bewahrung der Welterbe interessiert und Lösungen zu finden, damit es besser verwertet werden kann?
Die Fakultät für die Geschichte hat in ihrem Ausbildungsangebot ein Masterprogramm im Bereich der Welterbe, ab 2016. Wegen der zwei Generationen der Absolventen dieses Programms bin ich optimistisch, was ihr Interesse für die Bewahrung der Welterbe anbetrifft. Der zielführende Dialog mit ihren Lehrern führt zu den Verwertungslösungen, die an die junge Generation angepasst sind. Unsere Projekte ermöglichen den Studenten, sich daran zu beteiligen, zu lernen, die Welterbe zu schützen und zu verwerten.

Welche ist die Rolle des Geschichtenexperten in der modernen Gesellschaft?
Der Geschichtenexperte ist eine Gesellschaftsperson; er beteiligt sich an ihrer Entwicklung, soweit es möglich ist, indem er andere Fachleute ausbildet und eine richtige Forschung für die Interessierten leistet.
Welche Massnahmen sollten auf der Verwaltungsebene getroffen werden, damit Bukarest wieder zum kleinen Paris wird?
Ich weiss nicht, ob Bukarest zum kleinen Paris werden sollte. Vielleicht ist es notwendig, eine Identität zu finden, wofür die meisten Einwohner verantwortlich sein sollten. Ich bin mir sicher, dass Bukarest ein wichtiges kulturelles Potential hat, das sowohl auf der Ebene der Institutionen, als auch individuell entwickelt und gefördert werden sollte.


